Der Weise aus dem Klösterli

Jürg Knessl, orthopädischer Chirurg und seit vielen Jahren im Klösterli lebend, hat ein erstaunlich inspirierendes Buch verfasst, das sich als aktuelle philosophische Antwort aufs Leben liest. Denn neben der Medizin hat er in einem Zweitstudium elf Jahre Philosophie analysiert. Was treibt ihn an?
simone_hausladenArzt, Philosoph und Ethiker: Jürg Knessl lebt seit vielen Jahren im Klösterli. Foto: DBFP.

Im soeben erschienenen Buch «Die Reise zur abgewandten Seite der Erde» unternehmen Vater Leo und sein erwachsener Sohn Till ab Los Angeles eine Kreuzfahrt auf dem Pazifik. Was harmlos vergnügt beginnt, erweist sich nicht nur als Reise in traumhafte Landschaften, sondern auch als Erkundungstour in die Tiefen des Menschseins. Denn Vater und Sohn setzen sich in intensiven Gesprächen auf der 22­tägigen Tour – auf Deck, im Restaurant, auf Ausflügen – über das auseinander, was Generationen abgrenzt.

«Warum vertrittst du praktisch immer eine andere Meinung als ich?», fragt der Vater und bohrt weiter: «Was bewegt dich, ständig dagegen zu sein?» Sohn Till antwortet ganz gelassen: «Ich denke einfach anders als du.» Das Geheimnis, warum Knessls Buch so fesselt, liegt wohl darin, dass sich zwischen Vater und Sohn Gräben öffnen, die das Leben über Generationen hinweg aber immer wieder aufgefüllt hat, wie die grossen Geister dokumentieren. Ob Kant, Sartre, Schopenhauer oder Tolstoi – die Grundfragen der Existenz sind auch heute noch nicht beantwortet, weder aus der Sicht des abgeklärten Leos, noch aus der Sicht des stürmischen Tills. «Wir wissen etwas, aber dieses Etwas entspricht vielleicht einem Millionstel von dem, was man eigentlich wissen sollte, um die Welt zu verstehen», sagt Leo seinem Sohn, als er ihm die wichtigsten philosophischen Erkenntnisse erklärt.

Kreative Wellen

Das zu einem grossen Teil autobiografische Buch «Die Reise zur abgewandten Seite der Erde» ist somit auch eine Reise zu den grundlegenden Fragen des Menschseins. Wie kommt ein viel beschäftigter Chirurg, der seit 1990 eine Praxis betreibt, bei der Hirslanden­Gruppe, im Bethanien und in der Klinik am See operiert und Medizinethik an der Universität Zürich unterrichtet, dazu, ein solches Buch zu schreiben? «In einer kreativen Phase, die bei mir sechs bis zehn Monate andauert. Ich schreibe dann jeweils täglich nach dem Nachtessen gut zwei Stunden und an den Wochenenden fünf Stunden pro Tag», erklärt Knessl. Seit der Matura brennt er für philosophische Fragen. Deshalb begann er 1983 ein Buch über Ethik in der Medizin zu schreiben, damals ein absolutes Neuland, das 1989 bei Springer in Berlin erschien. Gemäss seinem Lektor war es das erste umfassende Werk in dieser Disziplin im deutschsprachigen Raum. Später absolvierte Knessl ein Masterstudium in Ethik. «Ich bin ein wissensmässiger Staubsauger», sagt er von sich, deshalb baue er permanent an seinem Wissensgebäude. Was ist für ihn die abgewandte Seite des Lebens? «Das Böse, die Mechanik, welche die Menschheit immer wieder scheitern lässt, was von der Gesellschaft aber verdrängt wird.» Jürg Knessl ist überzeugt: «Je mehr man weiss, desto näher kommt man an die wahren Werte.» Aber oft sei das Nichtwissen eben angenehmer. Allerdings, schränkt er ein, nur solange man sich nicht bewusst werde, nichts zu wissen.

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Führung des Zürchertierschutzes

Viele von euch sind schon beim Spazieren an den Gebäuden des Zürcher Tierschutzes an der Zürichbergstrasse 263, hinter dem Zoo, vorbeigekommen. Am Mittwoch, 29. August 2018 um 14.30 Uhrwerden wir dort von Herrn Los zu einer Führung/Präsentation und anschliessendem Apéro empfangen. Der...
14:30 h | 29. August 2018
Clübli