Der Vordenker im Quartier

Roger de Weck, der seit über fünfzig Jahren am Rand von Fluntern lebt, oberhalb des Römerhofs, tritt im Herbst als SRG-Generaldirektor zurück. Foto: © SRG/Danielle Liniger

Roger de Weck, der seit über fünfzig Jahren am Rand von Fluntern lebt, oberhalb des Römerhofs, tritt im Herbst als SRG-Generaldirektor zurück. Er wird wieder – wie vor seinen sieben Jahren bei der SRG – als Publizist arbeiten.

«Auf meinem Berufsweg war Umbau angesagt – einst beim „Tages-Anzeiger“ und bei der „Zeit“, jetzt bei der SRG», blickt Roger de Weck zurück. Er habe gelernt, zielstrebig, aber behutsam vorzugehen. «Die ganz grossen Würfe – im Nu wird managermässig das Haus umgebaut – sind menschen- und weltfremd. Mit vielen kleinen Schritten nähert man sich dem Ziel», lautet seine Erfahrung. Auf diese Weise bringt er die SRG und ihren Dienst für das Gemeinwesen zur Geltung. Denn voraussichtlich nächstes Jahr stimmt das Volk über die «No-Billag»-Initiative ab. Sie will die SRG als öffentliches Medienhaus abschaffen – es soll nur noch private Sender geben in der Schweiz.

«Jede Volksabstimmung ist ernst zu nehmen, nie ist sie ein Spaziergang. Aber ich glaube nicht, dass die Schweizerinnen und Schweizer auf eine audiovisuelle Produktion in ihrem Land verzichten wollen», meint Roger de Weck. Das Internet sei in aller Munde, das sei ein neuer Verbreitungsweg: «Anspruchsvoller als die Distribution ist aber die Produktion. In der kleinen, viersprachigen Eidgenossenschaft hat noch niemand mit audiovisueller Produktion, die kostspielig ist, wirklich Geld verdient», erklärt er den Bedarf nach öffentlicher Finanzierung der SRG. Die Empfangsgebühr werde ohnehin auf unter 400 Franken sinken.

Auch ein Zeitungsexperte

De Weck versteht es, mit sprachlicher Eleganz die widersprüchlichen Ansprüche an die SRG auf den Punkt zu bringen: «Rechtspopulisten halten uns für eine linke Bande. Die Linken finden, dass wir ab und zu die Agenda der Populisten befolgen. Die Mitteparteien meinen, sie kämen im Programm zu kurz. Bei solcher mittlerer Unzufriedenheit liegt die SRG wohl nicht ganz falsch.»

Als ehemaliger Chefredaktor von «Tages Anzeiger» und «Zeit» verfolgt de Weck die Presse mit Sorge. Es werde immer schwerer, mit Journalismus gutes Geld zu verdienen. «Die Werbung ist ins Internet abgewandert, und die Verlage holen aus dem Internet zehn Prozent der Werbeeinnahmen zurück, die sie im Print verloren haben. Die Kleinanzeigen, früher das Rückgrat einer Zeitung, sind auf Onlinemarktplätzen; sie finanzieren nicht mehr den Journalismus. Hinzu kommt die Gratis-Kultur.» Unter solchen Umständen würde eine Schwächung der SRG den Verlagen wenig helfen: «Wird die SRG abgebaut, profitieren massiv die deutschen, französischen, italienischen Kanäle und globale audiovisuelle Anbieter – nicht die Schweizer Verleger.»

Ab Herbst will de Weck dort anknüpfen, wo seine Stärken vor der SRG-Generaldirektion lagen. Als «Homme de Lettres» zählt er zweifellos zu jenen Vordenkern, die in Frankreich oder Italien als viel beachtete Kommentatoren eine wichtige Rolle spielen, in der Schweiz aber kaum mehr vorkommen. Als Zehnjähriger zog der heute 63jährige de Weck ins Quartier. Sein Vater war aus Genf nach Zürich in die Generaldirektion der damaligen Bankgesellschaft berufen worden, zu deren Verwaltungsratspräsident er 1976 avancierte.

Roger de Weck lebt ein erfolgreiches Leben. Ist es in seinen Augen gelungen? «Ich halte es für anmassend, dass ein Leben gelingen müsse. Ich entstamme einer alten Familie. Da könnte ich mich sonnen in der Tradition der Ahnen. Aus dem Zufall meiner Geburt habe ich einen anderen Schluss gezogen: Das Wissen um meine vielen Vorfahren begründet ein Bewusstsein um die vielen Nachfahren, die ich habe und haben werde. Ich sehe mich in einer langen Kette, in einer Kontinuität, die das Individuum nicht überhöht. Wenn mein Leben schön ist und bislang einigermassen gelingt, ist das ein Privileg.»

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14:30 h | 18. Dezember 2017
Quartierverein Fluntern