10 000 Realitäten ausserhalb des Hirns

Riccardo SeitzSensibel und der Zeit voraus: Der Filmemacher Hans-Ulrich Schlumpf auf seinem Balkon an der Voltastrasse. Foto: DBFP

Dem Fluntermer Filmregisseur Hans-Ulrich Schlumpf wird im Herbst eine Retrospektive gewidmet. Grund genug für einen Besuch an der Voltastrasse.

An den grossartigen Film «Der Kongress der Pinguine» erinnert man sich leicht. Der Film ist eine wundersame Erzählung, die mit fantastischen Naturaufnahmen zum Schutz der Antarktis aufruft. Und das 1993! Hans-Ulrich Schlumpf hatte das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt. Er war mit seinem Appell der Zeit voraus. «Die Antarktis war damals ein Symbol für unseren Umgang mit der Welt, die ich nur noch mit grossen Bildern darstellen konnte.» Und der Filmemacher gibt zu bedenken: «Noch heute wird ja die Klimaerwärmung als Lüge bezeichnet, wie Donald Trump dokumentiert. Aber vielleicht wird Trump zum Kulminationspunkt. Jede Krise muss eine Spitze erreichen, bevor es zur Wende kommt.»

Die Seele als Adler

Der Zeit voraus war Hans-Ulrich Schlumpf auch mit seinem Film «Ultima Thule» von 2005, der eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm ist. Nach einem Verkehrsunfall liegt ein schwerverletzter Börsenhändler auf der Intensivstation des Universitätsspitals Zürich. Seine Seele entfernt sich in Form eines Adlers aus seinem Körper und schwebt in grosser Freiheit über herrliche Landschaften nach Alaska. Ein poetischer Film, der unausgesprochen viele Fragen aufwirft. Ist nach dem Tode alles vorbei? Was ist das Geheimnis des Lebens? Fragen, die mit der zunehmend gesuchten Sterbehilfe als Alternative zum natürlichen Tod im Raum stehen. Beide Filme sind eine Verneigung vor der Natur, der Evolution und der Macht des Lebens.

Wie sieht das der erstaunlich vitale 77-jährige Filmemacher heute im Rückblick? «Ich glaube, die Idee zu diesem Film basiert auf einem Traum, den ich hatte. Alaska steht für das Ursprünglich, so wie es vor 12 000 Jahren am Bellevue mit dem Linthgletscher ausgesehen hat.» Wer sich mit dem Ursprung konfrontiere, komme auch zu seinem Wurzeln, sagt Hans-Ulrich Schlumpf. «Der Schwerverletzte war erfolgreicher Börsenhändler, wollte aber eigentlich Biologe oder Geologe werden. Im Koma kehrt er an seinen Ursprung zurück und findet dadurch eine neue Lebendigkeit.» Hans-Ulrich Schlumpf ist überzeugt, dass es noch 10 000 Realitäten gibt, die unser Hirn nicht wahrnimmt. «Ich bin ein Agnostiker, ein Suchender.» Vor zehn Jahren hatte Schlumpf die Idee, in einem Nachfolgefilm das Leben des Verunfallten nach dem Aufwachen aus dem Koma zu thematisieren. «Die Nahtoderfahrung hätte sein Leben auf den Kopf gestellt», sagt der Regisseur, der selbst über eine solche Erfahrung verfügt: «Ich war schwer krank und sah meinen Körper von oben.»

Im Herbst führt die Cinémathèque Suisse eine Retrospektive über das Schaffen von Hans-Ulrich Schlumpf durch. Zu diesem Anlass erscheint eine DVD-Box mit zehn seiner Filme plus Bonusmaterial in Form von Interviews zu den einzelnen Filmen. Das ist ein Einladung für eine grossartige Reise in die Traumwelten des Fluntermers Hans-Ulrich Schlumpf.

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14:30 h | 18. Dezember 2017
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