Seelenpflege im «Kinöchen»

Der reformierte Pfarrer Felix Wicki hat wenige Schritte vom Spyriplatz entfernt das kleinste Kino der Stadt Zürich eröffnet. In seinem «Kulturstudio», einem Ort der Poesie, finden Bühnenprogramme, Kino und Seelenpflege statt.

Nostalgisch: Die Kinokasse im «Kulturstudio».

Der Eckbau an der Winkelriedstrasse aus dem Jahre 1912 fällt auf: Die grossen Jugendstilfenster im Parterre, der stilvolle Hauseingang, das schöne Geschäft an der Universitätsstrasse stechen ins Auge. «Mein Urgrossvater, ein Kunstschlosser aus Hamburg, der seine Frau am Sechseläuten in Zürich gefunden hat, war als Bauherr an der Projektierung massgeblich beteiligt», sagt Felix Wicki. Seit vergangenem September betreibt er im Seitenanbau mit den grossen Jugendstilfenstern das «Kulturstudio – Kino, Bühne, Seelenpflege». Es handelt sich dabei um ein aussergewöhnliches Kulturprojekt. Der Filmmonat März steht unter dem Thema «Kirche und Kino». Gezeigt werden Klassiker wie Franco Zeffirellis «Bruder Sonne, Schwester Mond» oder Alfred Hitchcocks Thriller «Ich beichte» in einem einzigartigen Rahmen. Das Kino im Untergeschoss verfügt nämlich nur über 24 Sitzplätze, auf die Leinwand im Bühnenkasten werden Super-8- und 16-Millimeter-Filme projiziert, und vor jeder Vorstellung führt Felix Wicki filmhistorisch in das Werk ein. Er ist ein grosser Filmkenner und -liebhaber, eine Leidenschaft, die er von seiner Mutter geerbt hat. Mit fünfzehn Jahren begann er, analoge Schmalfilme zu sammeln. Heute umfasst seine Sammlung über 800 Werke, darunter sehr viele bedeutende Klassiker. Das Bühnenprogramm umfasst derweil «Kulturplaudereien», thematische Begegnungen («Achtung, Vorurteile!» oder «Rund um Bilder, Botschaft, Bibelfilme»).

Aufführungen

März-Programm Kulturstudio, Winkelriedstrasse 1, 8006 Zürich:
 
«Bruder Sonne, Schwester Mond» (3. und 6. März, 19.30 Uhr)
«African Queen» (4. und 9. März, 16 und 19.30 Uhr)
«Ich beichte» (4. März und 7. März, 19.30 Uhr)
«The Sound of Music» (5 und 8. März, 16 Uhr)
«Kulturplauderei» (24. März, 19.30 Uhr)
«Die 13 Monate», Erich Kästner (25. März, 16 Uhr)
«Lust auf Lyrik», Lieblingsgedichte (26. März, 16 Uhr)
Wie ein Pflug auf dem Acker

Auffallend bei Felix Wicki ist, dass in seinem «Kulturstudio» alles beseelt ist: Die Ecke mit der Spieldosensammlung, die Originalplakate an den Wänden, die Caféeinrichtung im Parterre, die alte Kinokasse – alles zeugt von grosser Achtsamkeit. Da steckt so viel Liebe drin, dass ein Kinobesuch zur Reise in die Kindheit wird. «Wer das ‹Kulturstudio›, eine Art Zelle der Ethik, verlässt, soll etwas Weiterführendes erhalten haben», umschreibt der Betreiber seinen Anspruch. Der 51-jährige Wicki hat an diesem Konzept drei Jahre gearbeitet. «Eine Krebserkrankung hat sich bei mir wie ein Pflug auf dem Acker ausgewirkt. Da wurde viel aufgerissen, was zu einer neuen Fruchtbarkeit führte.» Im Fall von Felix Wicki auch zu einer beruflichen Neuorientierung. Er wirkte während sechzehn Jahren als reformierter Pfarrer, nachdem er in Zürich und Birmingham Theologie studiert hatte und 1995 ordiniert wurde. «Die reformierte Kirche beschäftigt sich immer mehr mit ihrer Organisation und Verwaltung, sodass für die Seelsorge kaum mehr Zeit bleibt, was mich zunehmend störte», blickt Wicki zurück. Schon während seiner Pfarrzeit schrieb er für verschiedene Cabarets-Ensembles Musik und Texte. Auf der Bühne zu sehen ist er derzeit mit Erich Kästners lyrischem Jahresreigen «Die 13 Monate». Für ihn, der heute noch als freier Theologe predigt, ist dieses Angebot Seelenpflege. Er zitiert aus einem seiner Lieblingsgedichte: «Das Korn von mir, von Gott der Segen».

Grosses Bild: Felix Wicki auf der Bühne des «Kulturstudios» mit Erich Kästners «Die 13 Monate». Foto: Kulturstudio Zürich

Agenda

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März
Mittwoch
29
19:30 h
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